Zuhause

Das Ende einer Reise: Vom nach Hause kommen

posted by Ronja 6. August 2018
Medewi

Vor ein paar Monaten stolperte ich über folgenden Satz über das Heimkehren nach einer Reise:

„Du springst ins kalte Wasser. Du lässt dich treiben. Und kommst kaum jemals genau da wieder raus, wo du hineingegangen bist“ (Susanne Helmer vom Flügge Blog).

Ins kalte Wasser war ich gesprungen: nach monatelanger Planung hatte ich mich alleine zu meiner Surfreise aufgemacht. Bin nach Sri Lanka, Neuseeland, Australien und Singapur gereist. Von dort weiter nach Indonesien, einmal quer durch Java und Lombok um dann die letzten Wochen auf Bali zu verbringen (wo ich mir mein blaues Surfbrett schenkte, siehe Foto).

Und wo kam ich raus? Äußerlich war ich blonder, braungebrannter, fitter als vor meiner Reise. Und innerlich? War ich selbstsicherer, zufriedener, stärker als vorher. Mit vielen Hochs und ein paar Tiefs hatte die Reise mir den Raum verschafft mich auszuprobieren, neu kennenzulernen und mir meine Tage selbst einzuteilen. Ich konnte meine geliebten Wellen surfen, in der Natur sein und jeden Morgen voller Vorfreude auf den Tag aufwachen, weil jeder Tag mein Tag war.

Coming home

Am 2. Juni 2017 trat ich etwas früher als geplant meine Heimreise von Bali an. Es fühlte sich gut an. Ich hatte so viel erlebt und war bereit, nach Hause zu kommen. In jedem Fall wollte ich mir genug Zeit nehmen, anzukommen. Ich hatte es extra so geplant, dass ich in Ruhe ankommen kann, weil ich schon viel gelesen und gehört hatte wie schwer es sei nach einer längeren Reise wieder zuhause anzukommen. Trotzdem würde ich rückblickend sagen: Ich hatte ja keine Ahnung WIE schwer es sein würde!

Die Wiedersehensfreude

In Frankfurt gelandet ging es zunächst in meine Heimat in der Nähe von Köln um meine Familie wiederzusehen und ein paar Tage später dann nach Hannover. Der Neo kam in eine Kiste, der Rucksack, mein treuer Begleiter, in den Schrank. Das fühlte sich sehr unwirklich an. Ich hatte das Gefühl, ewig weggewesen zu sein.

Mein neuer Job sollte erst im Juli losgehen. Den knappen Monat nutze ich, um mich in einer neuen Wohnung in einem neuen Viertel in Hannover einzuleben, neue Yogastudios auszuprobieren, alte Freunde wiederzutreffen und aus einer Fernbeziehung eine „Nahliebe“ zu machen.

Alles was zählt: Hannover – Meer

Ich wollte mir das „landlocked-Leben“, also das Leben abseits der Wellen, so surfmäßig wie möglich einrichten. Das Surfbrett wurde im Wohnzimmer platziert. Ein Foto aus Lombok kam an die Wand. Alle Bücher die ich las hatten mit Surfen zu tun. Ich schnappte mir mein Surfbrett und paddelte unter neugierigen Blicken auf der Ihme, um fit für den nächsten Surftrip zu sein.

Die Heimkehrdepression

Die Heimkehrdepression traf mich mit voller Wucht als ich wieder anfing zu arbeiten. Die Umstellung von Freiheit zu „Fremdbestimmtheit“, jeden Tag viele Stunden im Büro verbringen und die Wochenenden dazu zu nutzen sich von der Woche zu erholen fiel mir unglaublich schwer. Es kam mir alles so sinnentleert vor. Das einzig Positive war, dass sich mein Konto langsam wieder füllte.

Salzwassertränen

Mehrere Wochen lang brach ich nach Feierabend regelmäßig in Tränen aus. So konnte das nicht weitergehen. Jeder Tag war gleich. Ich vermisste das Meer. Ich fühlte mich eingesperrt und verzweifelt. Wie hatte ich das früher nur ausgehalten? Das hört sich jetzt sehr pathetisch an aber ich fühlte mich wie ein Vogel im Käfig der einfach nur fliegen will. Mein Herz fühlte sich so schwer an. Die Frage danach, was mir denn fehle konnte ich immer nur beantworten mit: das Meer.

Ich vermisste so sehr das „sich-treiben-lassen“. Das Surfen. Das morgens-nicht-wissen-was -der-Tag-bringt. Die eigenen Gedanken zu beobachten. Muße zu haben. Platz für Kreativität zu schaffen.

Irgendwann wurde das lähmende Gefühl leichter und ich konnte aktiv etwas an meiner Situation und Haltung ändern. Ich nahm Kontakt zu anderen Surf Mädels in Hannover auf. Ich meditierte jeden Tag. Ich machte Surfyoga. Die Planung des nächsten Surftrips war hilfreich. Im September ging es für zwei Wochen nach Portugal, danach für Wochenendtrips nach Sankt Peter Ording, danach nach Zandvoort in Holland.

Die Sinnsuche

Auch mir zu vergegenwärtigen, dass mein Job mir auch viel unbeschwertes Reisen ermöglicht, half. Dankbarkeit, Demut. Mir zu vergegenwärtigen über was für eine Luxussituation ich jammere. Und das Jammern trotzdem ernstzunehmen.

„Even though, the ocean will feel like home, maybe being landlocked has its own charm after all. It keeps us dreaming: waiting for the next time we get back out there“ (Saltwater Shop)

Obwohl sich der Ozean nach Heimat anfühlt, hat es vielleicht auch etwas für sich, nicht am Meer zu leben. Es lässt uns träumen: wir warten, bis wir das nächste Mal rauspaddeln“ (Saltwater Shop)

Dann fing ich auch an, mir mehr „Sinn“ in meiner Arbeit zu schaffen. Ich startete mehrere Nebenprojekte, die ich als sinnvoll erachtete. Ich startete ein Netzwerk an unserem Standort. Ich startete ein Projekt an dem ich mich inhaltlich austoben konnte und kreativ arbeiten konnte. Dadurch fühlte ich mich viel motivierter. Ich machte die Erfahrung, dass ich insgesamt mehr Spielraum habe als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

1 Jahr später

Jetzt, mehr als ein Jahr später würde ich sagen: ich bin wieder angekommen. Ab und zu habe ich darüber nachgegrübelt, ob sich das gelohnt hat. Ob es sich gelohnt hat, fünf Monate absolute Freiheit zu kosten, und danach den Preis zu zahlen sich eingesperrt zu fühlen. Auch wenn ich jetzt gerne sagen würde: na klar hat es sich gelohnt – bin ich mir da nicht immer ganz sicher.

Was habe ich aus dem letzten Jahr mitgenommen? Es geht nicht um den Komfort, oder die Freiheit. Mir geht es um das Abenteuer. Um das Unerwartete, um das Lernen. Um die Überraschung. Und das kannst du überall haben, ob in Neuseeland oder Neumünster. Es geht darum, das Abenteuer gewinnen zu lassen, nicht den Alltag. Überall kann man Grenzen austesten, neue Wege gehen, Handlungsräume schaffen. Dazu braucht es Kreativität, frische Energie, einen starken Willen, Ideen. Das Leben möchte ich spielerisch und mit Leichtigkeit betrachten. Und dann findet sich auch immer ein Weg in die nächste Welle.

Auf der Ihme in Hannover

Auf der Ihme in Hannover

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