Auf dem Brett

Surfen lernen: Warum ich aufgehört habe, Wellen zu zählen

posted by Ronja 17. Februar 2017

Eins der Ziele für meine Auszeit ist es, im Surfen besser zu werden. Zeit, das mal neu zu definieren. So wie ich das bisher getan habe, bei jeder Surfsession innerlich zu zählen, wie viele Wellen ich bekommen habe, funktioniert es nicht. Ich setze mich unter Druck und ärgere mich mehr als nötig, wenn ich a) eine Welle wieder nicht bekomme, b) Leute mich fragen ob ich zum ersten Mal surfe oder c) ich wieder mehr Salzwasser schlucke als lecker ist. Saltwater heals everything – pah!

Es ist so: Surfen ist für mich eine der komplexesten Sachen, die ich jemals versucht habe zu lernen. Wenn auf dem Brett gar nichts klappt, gelingt es mir oft mich darauf zu besinnen, was wohl jeder Surflehrer 1000 Mal wiederholt, um die Schüler bei Laune zu halten: dass diejenigen am besten surfen, die am meisten Spaß haben (danke, Phil Edwards). Doch letztens war ich mal wieder echt verbissen darauf, nun endlich Fortschritte zu machen.

Tanzende Möwe

Tanzende Möwe

Die Sache mit der Surfstunde

Es kommt mir oft eher wie Zufall vor, wenn ich eine Welle bekomme. Zwischen erfolgreich gesurften Wellen geht ziemlich viel schief, eine Stabilität in der Leistungskurve ist nicht so richtig zu erkennen. „Ich surfe fast jeden Tag und mache trotzdem keine Fortschritte, das muss doch jetzt langsam mal besser klappen!“, hatte sich in meinem Kopf festgesetzt.

Nach einem Monat selbstständig surfen in Sri Lanka fand ich also es war mal wieder an der Zeit, eine Surfstunde zu nehmen. Welcher Ort eignet sich besser dafür, als Neuseelands Surfcity Raglan? Statt der erhofften konkreten Tipps bekam ich aber leider nur allgemeine Technikinfos, die mich nicht wirklich weiterbrachten. Am Ende der Stunde blieb das Gefühl, viel Geld für wenig Erkenntnis bezahlt zu haben.

Hallo Meer (ok, der Zaun ist im Weg)

Hallo Meer (ok, der Zaun ist im Weg)

Was ist am Surfen lernen eigentlich so schwierig?

Die letzten Jahre konnte ich immer nur im Urlaub surfen, so 1-2 Wochen am Stück. Sobald sich der Muskelkater gelegt hatte, reiste ich wieder ab. Dabei gibt es so viel zu lernen und es gehört so viel dazu eine Welle zu bekommen.

5 Schritte zum Glück
  1. Surfspot finden, lernen wann und wie der Spot funktioniert. Die Bedingungen (Swell, Tide, Wind) sollten einigermaßen stimmen. Schauen wo die Wellen gut brechen, rauspaddeln, gute Position finden.
  2. Dann gilt es sich für eine surfbare Welle zu entscheiden und zu checken ob die Welle einem zusteht oder jemand anders näher am Peak (der höchste Punkt der Welle, da wo die Welle bricht) ist.
  3. Kurz nochmal prüfen ob die Position auf dem Board stimmt, nicht zu weit vorne und nicht zu weit hinten, und dann in die richtige Richtung mit der richtigen Geschwindigkeit paddeln, nicht zu langsam und nicht zu schnell.
  4. Und dabei bitte nicht die Welle oder andere Surfer aus den Augen lassen!
  5. Wenn bis hierhin alles geklappt hat und die Welle einen tatsächlich mitnimmt, einem niemand im Weg ist, und man es dann noch schafft aufzustehen und nicht die Balance zu verlieren ist man schon ziemlich weit gekommen. Dann heißt es cool bleiben und genießen, und schwupps ist es schon wieder vorbei.

Es ist unfassbar, wie viel mehr ich warte, vorbereite, paddele und hinfalle als dass ich tatsächlich auf dem Brett stehe. Das mit dem Surfen zu lassen kam mir trotzdem nie in den Sinn.

Tawharanui

Tawharanui

Surfen als Ausdruck von Liebe zum Meer

Anders betrachtet ist das Unkontrollierbare aber auch das Einzigartige und Schöne am Surfen. Ich finde, dass es ein verdammtes Wunder ist, wenn man auf der Welle entlanggleitet. Außerdem ist Surfen so eine wunderbar sinnfreie Tätigkeit, bei der es eigentlich um nichts geht, außer der Liebe zum Meer Ausdruck zu verleihen.

Lernstress adé

Egal was man lernen möchte, Druck und Frust hilft dabei selten weiter. Ich weiß auch eigentlich, dass im Wasser alles viel besser klappt wenn ich mich locker mache, statt verbissen und ehrgeizig zu sein. Es gibt ja keinen angestrebten Endpunkt. Ich werde einfach immer weitermachen, und vielleicht merke ich selbst gar nicht, dass ich mich, objektiv gesehen – was auch immer das heißt- verbessert habe. Lebenslanges Lernen ist angesagt, man kann surfen nicht beherrschen (es sei denn man ist Kelly Slater). Also habe ich beschlossen, das Surfen spielerischer zu sehen. Und meinen Surflernerfolg in anderen Dimensionen zu messen als darin, wie viele Wellen ich an dem Tag gesurft bin.

Statt Wellen zu zählen versuche ich:

    • ausdauernder zu paddeln
    • Spaß zu haben
    • geduldiger zu werden
    • meine Ängste zu überwinden
    • mich darauf zu besinnen, dass jede Welle, die ich beobachte irgendwie dazu beiträgt das Meer besser lesen zu können
    • Wipeouts zu genießen
    • nicht zu vergessen, dass es ein unglaublicher Luxus ist, momentan jeden Tag auf dem Brett sein zu können
Cape Reinga Lighthouse

Cape Reinga Lighthouse

Nach der frustrierenden Surfstunde habe ich mich am nächsten Tag in Oakura trotz wenig idealer Surfbedingungen und viel Regen mit meinem Brett ins Meer gestürzt. Ich war die einzige Person im Wasser. Am Anfang nahm ich ein paar Weißwasserwellen und hatte wirklich Spaß. Plötzlich kam wie aus dem Nichts eine grüne Traumwelle, die ich auch noch bekam und da niemand um mich herum war jubelte ich lauthals. Es reicht eben eine einzige tolle Welle, die mir für den Rest des Tages ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubert, um alle Mühe vergessen zu machen. Dann weiß ich, dass ich – zumindest nach Phil Edwards‘ Definition – die allerbeste Surferin bin :).

Auckland vom Mount Eden aus gesehen

Auckland vom Mount Eden aus gesehen

Wünsch dir was

Wünsch dir was

Cape Reinga: Wenn sich zwei Meere treffen

Cape Reinga: Wenn sich zwei Meere treffen

Auf dem Weg nach Ruapuke

Auf dem Weg nach Ruapuke

Das könnte dich auch interessieren

2 Comments

Kerstin (aus YW ) 18. Februar 2017 at 2:54 pm

Liebe Ronja,
du beschreibst es wunderschön wie durch
Freude und weniger Zielstrebigkeit und Interesse am Meer und durch zuhören
verifizierte Ziele entstehen.
Weiterhin viel Freude und ganz lieben Dank
Für deine Berichte.
liebe Grüße , Kerstin
🙋🏻🏄🏼‍♀️

Reply
Ronja 20. Februar 2017 at 2:34 am

Ich freue mich sehr über deinen schönen Kommentar, liebe Kerstin! Genau, ich glaube manchmal kommt man durch weniger Zielstrebigkeit weiter – wie auch zum Beispiel beim Yoga…

Reply

Leave a Comment

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.